Über das Wirken von Etty Gingold 

von Silvia Gingold

Foto: Etty Gingold beim Sammeln von Unterschriften für den Krefelder Appell (Zeitraum 1981 - 1983), Quelle: privates Archiv Silvia Gingold


Zu diesem 40jährigen Jubiläum des Krefelder Appells sollte eigentlich meine Mutter, Ettie Gingold, hier sein, um gefeiert zu werden. Ich bin nun stellvertretend für sie hier, aber ich lasse sie reden:
“Glaubt mir, ich sammle lieber Unterschriften gegen die Stationierung der Atomraketen, als in der Öffentlichkeit große Reden zu halten… Ich bin keine geübte Rednerin, und das liegt mir nicht. Und dennoch stehe ich hier, um mir von der Seele zu reden und nochmals und nochmals das zu sagen, was sicher jeder schon weiß.., was Krieg bedeutet. Ich stehe hier als Mutter und Großmutter, die zwei Weltkriege erlebt hat und die aus eigener Erfahrung die Grausamkeiten, die Leiden, die Nöte kennt, die ein Krieg mit sich bringt“
… so meine Mutter am Antikriegstag 1983 hier in Frankfurt/M.

Ihr Kampf für den Frieden zog sich durch ihr ganzes Leben. Dieses Durchhaltevermögen brachte sie mit aus ihrer Erfahrung im antifaschistischen Kampf gegen Hitler in der französischen Widerstandsbewegung.
„Während der Nazizeit haben wir niemals den Friedenskampf aufgegeben. Im Krieg haben wir gegen den Krieg gekämpft. Wir haben dafür alles in Kauf genommen, Gefängnis, Zuchthaus, KZ, Folter, ja, das Todesurteil… Wir, die noch in Freiheit lebenden Widerstandskämpfer wussten nicht, ob wir morgen in den Händen der SS sein werden. Da haben wir uns geschworen: Sollten wir überleben, wir werden alles tun, damit nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg, nie wieder ein Weltbrand von deutschem Boden ausgeht!... Diesem Schwur sind wir treu geblieben. Sofort nach 1945 entschieden wir uns dafür, der beginnenden Wiederaufrüstung entgegenzuwirken. Heute geht es darum, die Verwandlung unseres Landes in eine Abschussrampe für amerikanische Erstschlagwaffen zu verhindern.
Selbst die glühendsten Optimisten unter uns haben sich nicht träumen lassen, dass die Tradition unseres Friedenskampfes in einer solch mächtigen Friedensbewegung ihre Fortsetzung findet“. Das sagte sie im Oktober 1983 auf der Großen Friedenskundgebung in Bonn.
Sie war eine unermüdliche Unterschriftensammlerin für den Krefelder Appell. Wo mehr als 3 Menschen zusammen kamen, in Fußgängerzonen, auf Wochen- und Flohmärkten, Weihnachtsmärkten stand sie mit ihren Unterschriftenlisten und sprach viele Menschen an. Auf diese Weise sammelte sie ganz allein 12.500 Unterschriften, was natürlich auch bedeutete, dass sie sehr viel mehr als 12.500 Gespräche führte, denn nicht jeder unterschrieb. Eindrücklich warnte sie vor der atomaren Gefahr und warb in ihrer klaren und energischen Ansprache um die Unterschrift gegen die Stationierung der Massenvernichtungswaffen in der BRD. Sie ließ sich nicht so leicht entmutigen durch ablehnende Reaktionen. Sie war eine sehr kleine Frau (Esther Bejarano, mit der sie befreundet war freute sich immer, dass es mit Ettie jemanden gab, die noch kleiner war als sie), ihr mutiges Auftreten aber verschaffte ihr große Anerkennung und Respekt, auch oft bei Menschen, die nicht unterschrieben, die nicht ihrer Meinung waren.
Bereits 1950 sammelte sie Unterschriften unter den Stockholmer Appell zur Ächtung der Atombombe, gegen die atomare Rüstung. „Das Verschwinden des Lebens von der Erde werde nun zur technischen Möglichkeit“, erklärte damals Albert Einstein. Im Stockholmer Appell, zu dem Vertreter von Friedensbewegungen der ganzen Welt aufriefen hieß es u.a.: „Wir fordern das absolute Verbot der Atomwaffe als eine Waffe des Schreckens und der Massenvernichtung der Bevölkerung… Wir sind der Ansicht, dass die Regierung, die als erste die Atomwaffe gegen irgendein Land benutzt, ein Verbrechen gegen die Menschheit begeht und als Kriegsverbrecher zu behandeln ist.“ Diesen Appell signierten nach Angaben des Weltfriedensrates über 500 Millionen Menschen weltweit. Damals, als junge Frau und unter den noch unmittelbaren Kriegseindrücken, sammelte meine Mutter Hunderte von Unterschriften gegen die atomare Kriegsgefahr.
Ich bin sicher, würde sie noch leben, sie würde auch heute mit Leidenschaft Unterschriften unter den Aufruf „Abrüsten statt Aufrüsten sammeln. Gerade heute, da so viel Geld für die Rüstung ausgegeben wird wie nie zuvor – und das ausgerechnet in Zeiten der Coronapandemie, ist ihr damaliger Appell an die Politiker aktueller denn je: „Geben Sie für das Leben, was Sie für den Tod ausgeben!“

Foto: K. Peil von Veranstaltung am Sonntag den 15.11.2020 im Frankfurter Gewerkschaftshaus